Gedenkstättenfahrt

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Es war keine Erholungsreise, aber das stand ja vorher fest, das wußte man. Und für ein reines Vergnügen hätte ich so plötzlich gar nicht den Urlaub gekriegt. Was, Polen, hat der Personalchef gesagt, das ist doch Ostblock, und ausgerechnet jetzt, wo ich jede Kraft in der Buchhaltung brauche, da wollen Sie freimachen, im Osten freimachen. Gedenkstätten, sagte er - hm. Sie waren doch, sagte er, fünfundvierzig, Menschenskind, dawaren Sie ja noch gar nicht geboren. Na, dann fahren Sie schon mit und sehen sich das mal an, was die ihnen da zeigen. Und hinterher kriege ich einen ordentlichen Bericht, verstanden? Ich mußte ihn korrigieren, sagte, daß ich fünfundvierzig, im Mai jedenfalls, über ein Jahr alt war, aber der Personalchef unterschätzt mich immer, das kennen wir schon.

Da ist Gerhard ganz anders, unser Gruppenleiter, der hat gesagt, einer muß mit, unbedingt, wir dürfen nicht fehlen, das können wir uns nicht leisten, wir müssen vertreten sein. Die anderen werfen uns sowieso schon immer vor, daß die Sportjugend nichts für die politische Bildung tut.

Na schön, ich habe uns vertreten. Ich habe mitgemacht, weil Gerhard einen Mann angemeldet hat, und Gerhard hat einen Mann angemeldet, weil er es sich nicht leisten konnte, keinen Mann anzumelden. Er erwartet noch nicht einmal einen Bericht.

Bloß unser Personalchef, der will es ganz genau wissen. War mal ein großer Boß bei der Hajott. Aber 'was heute los ist, weiß er nicht. Bedekajott und so hat er nie gehört, muß man ihm alles erst erklären: Bund der Deutschen Katholischen Jugend. Oder Dejott-O, Deutsche Jugend des Ostens. Einen richtigen demokratischen Jugendverband kennt er nicht. Und dann erst die Zusammenarbeit der Verbände, die Sitzungen im Bezirksjugendring. Was soll man seinem Chef erzählen, wenn der vom Bejott-err gar keine Ahnung hat? Ich werde ihm sagen: immerhin Polen; im Urlaub sieht man das ja doch nicht. Nur das mit dem Kranz für Auschwitz hätte man besser organisieren müssen. In Warschau hat alles geklappt, in Warschau, wo das Getto war, ist alles glatt gegangen. Bloß am vorletzten Tag in Auschwitz, da sind wir reingefallen, das hätte nicht kommen dürfen, am vorletzten Tag, das war zuviel.

Die Sache mit dem Kranz werde ich ihm erzählen. Ich werde ihm sagen: Wir waren vierzehn Leute, wir gehörten nicht alle zum Bejott-err, nur fünf von uns; manche vertraten die Bejott-err-Vertreter und manche fuhren wie ich einfach mit, weil ihre Verbände im Bejott-err vertreten sind. Einige kannte ich schon vorher, mit Namen oder vom Sehen, ich wußte: Der ist Sportler, der geht oft ins Theater, der ist Gitarrist, der wohnt neben der Post, der fährt Rad, der eine Maschine, der ist bei einer Versicherung, der geht zur Uni, der geht mit der, die geht immer schick angezogen und die war früher mal zwei Klassen unter mir. Als wir in Warschau ausstiegen, hatte ich schon alle Namen spitz.

Die ganze Tour sind Henryk und Jerzy vom Touristenbüro Juventura mit uns gefahren, jedenfalls bis Posen. Das machen sie dauernd, deutsche Gruppen begleiten. Waren ganz passabel die Jungens, besonders Henryk. Der hat gesehen, daß wir uns ein paar Wawelgläser eingesteckt haben, in Warschau, in der Wawel-Schenke am alten Marktplatz. Das hat er gesehen und nichts gesagt. Und ohne ihn wäre ich wohl mit Jadwiga nicht klargekommen, in diesem Jugendtanzclub in Warschau. Ich tanzte mit ihr und dachte, stramme Puppe, aber man kam sich nicht näher, weil sie dort alle einen merkwürdigen Stil hatten, auch die Jun-gens, die ihre Mädchen immer mit einem Handkuß aufforderten. Da hat Henryk für Verständigung gesorgt.

Das wird man einem Chef ja wohl noch erzählen können, gerade, wenn man weiß, daß er eigentlich nur auf ein paar abfällige Bemerkungen über die Polen lauert. Auch von Eduard werde ich ihm erzählen, unserem jungen Sozialisten, der gesagt hat, das mit dem Kranz sei ein Skandal. Und wie er sich mit Ulla von der Dejott-O, unserer Delegationsleiterin, in die Wolle gekriegt hat, wie er ihr sagte, sie sei eine alte Landkrähe, eine revanchistische.

Die hat vielleicht geguckt, als das Ding mit dem Kranz passiert ist. Wir standen auf dem Bahnhof in Trzebinia, wollten umsteigen nach Auschwitz, Ulla sagte, wer hat den Kranz, und keiner hatte ihn. Der Kranz war weg. Kurz vor Auschwitz war der Kranz weg. Außerdem fehlten drei Leute. Da hat sie ganz schön geguckt; denn viel Zeit war nicht, weil wir abends schon in Bres-lau sein mußten und weil Auschwitz knapp kalkuliert war. Und nun standen wir ohne Kranz da.

Natürlich hat Jerzy gleich alle Hebel in Bewegung gesetzt. Jerzy hatte Vollmachten, er konnte das Bahntelefon benutzten und ließ die drei mit dem Kranz auf der nächsten Station aus dem Zug holen. Er sagte ihnen am Telefon, sie sollten mit dem nächsten Zug nach Trzebinia kommen. Aber die Anschlüsse waren genau ausgerechnet, an der Organisation gab es nichts zu tippen, und der nächste Zug kam zu spät nach Trzebinia, zu spät für einen Anschluß nach Auschwitz. Deshalb ließ Jerzy einen Expreß-Zug stoppen, außerfahrplanmäßig, zweimal: zuerst bei den dreien mit dem Kranz und dann in Trzebinia. Aber niemand stieg aus. Die drei standen noch immer auf ihrem Bahnhof und warteten auf den nächsten Zug nach Trzebinia, wie Jerzy das angeordnet hatte.

Auch Ulla verließ sich auf Jerzy. Der verkündete nun, man müsse ab nach Auschwitz, besser ohne Kranz nach Auschwitz als mit Kranz nicht nach Auschwitz. Das leuchtete allen ein. Ulla hat bloß geguckt und gesagt: Na gut, fahren wir. Dann hat sie Manfred vom Bedekajott gefragt: Was wird nun aus der Rede, die endet doch mit dem Kranz, und der Redenausschuß kann jetzt nicht mehr zusammentreten. Manfred hat gesagt, das macht nichts, das kriegen wir schon hin.

Jedenfalls war in Auschwitz alles halb so schlimm. Manfred hielt seine Rede, wie sie der Redenausschuß in Berlin genehmigt hatte, und damit keine Peinlichkeiten aufkamen, taten einige schnell noch das Ihre dazu, ganz inoffiziell und auf eigene Verantwortung, der Falke sprach von einer heiligen Verpflichtung und die Konfessionellen zeigten, daß sie es ebenfalls mit dem Heiligen halten, stellten sich abseits, haben, glaube ich, gebetet, aber, wie gesagt, ganz inoffiziell, das mußte jeder auf seine eigene Kappe nehmen.

Es fiel kaum auf, daß der Kranz fehlte. Schließlich kann das ja mal vorkommen, daß der Kranz weg ist. Die drei sind natürlich nicht schuld daran, daß sie zu weit gefahren sind. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie haben geschlafen oder sie waren schlecht informiert. Also war es ihnen gar nicht möglich, rechtzeitig auszusteigen. Schuld hat also keiner, höchsten Jerzy vielleicht, ein bißchen jedenfalls, der hätte die drei besser informieren können. Aber Auschwitz war halb so schlimm. Wir sahen auch die ausgestellten Foltergeräte und Dokumente, und ich dachte: Alles was recht ist, hier wurden höllische Taten verübt. Aber dann mußten wir uns beeilen, denn die Zeit war knapp, bis abends wollten wir in Breslau sein.

In Kattowitz erwarteten uns die drei zum fröhlichen Wiedersehen. Wir fanden es alle sehr komisch, wie sie dort standen und grinsten, alle drei nebeneinander, mitten vor ihnen stand der Kranz auf dem Bahnsteig, einer hatte seine Hand darauf gelegt und hielt ihn fest. Er war mit Packpapier umwickelt, einmal rundum, und der Innenraum war auch mit Papier bespannt, weil darin die Schleife hing. Wer nicht wußte, daß es ein Kranz war, der konnte ihn für einen eingewickelten Autoreifen halten, von weitem jedenfalls, denn aus der Nähe sah man, wie sich die Schnur in den Kranz eindrückte.

Wir stiegen in den Zug nach Breslau. Der war gerammelt voll, und man mußte Angst haben, daß der Kranz zerdrückt wurde. Ich sah, wie sie ihn in ein Gepäcknetz legten, das heißt, im Gepäcknetz lag ein großer Koffer, der gehörte einer alten Frau, die darunter saß. Und auf den Koffer der alten Polin legten sie den Kranz. Ich konnte ihn während der ganzen Fahrt sehen. Ich sah das runde Packpapierpaket. Da drin sollte der Kranz sein, und mir fiel ein, daß wir alle den Kranz noch nie gesehen hatten, die ganze Zeit nicht, nur einer, der ihn in Berlin vom Blumengeschäft geholt hatte, der mußte ihn gesehen haben. Alle anderen wußten nur: Da drin ist der Kranz, und daran hängt die Schleife mit dem Text, den der Bejott-err nach einer kurzen Diskussion einstimmig beschlossen hatte: Den Opfern des Nationalsozialismus.

Was wird denn nun mit dem Kranz, fragte Manfred vom Bedekajott die Ulla von der Dejott-O. Ulla tat ganz überrascht. Ja, was wird denn nun mit dem Kranz, sagte sie.

Ich stand in ihrer Nähe und konnte alles hören, obwohl Ulla mit Manfred getuschelt hat, ich konnte hören, wie sie sagte, das wird ja nun schwierig mit dem Kranz. Da mischte sich Eduard ein, unser Falke, der hatte ebenfalls gehört, was die beiden tuschelten. Nun wollte er mittuscheln. Was heißt hier schwierig, tuschelte er, das ist gar nicht schwierig, wir müssen den Kranz woanders niederlegen, und zwar bald, am besten in Breslau, da wird sich ja wohl etwas finden, wo man ihn niederlegen kann, hier findet man überall etwas, wo man den Kranz los wird, das ist überhaupt nicht schwierig.

Ulla drückte ihren Daumen an die Fensterscheibe, daß er breit wurde wie ihre Stubsnase: Das da, sagte sie, und sie zeigte auf die Landschaft an der Bahnstrecke, auf die Wiesen, die Landstraße und die Felder dahinter, das da draußen ist Schlesien. Vor einer Stunde waren wir noch in Polen, das war etwas anderes. Laut Beschluß des Bejott-err, sagte sie feierlich, ist der Kranz für Polen, für polnische Antifaschisten. Von Breslau war nie die Rede. Breslau werden andere Verbände auch für umstritten halten. Breslau ist eine Grundsatzentscheidung, darüber kann nur der Bejott-err abstimmen. Und der Bejott-err ist hier überhaupt nicht beschlußfähig.

Eduard holte Luft, als ob er eine leidenschaftliche Rede vom Stapel lassen wollte, aber er sagte nichts. Er ließ Ulla stehen und drängte sich zu unserem Gewerkschafter durch. Eduard flüsterte mit dem Gewerkschafter, der Gewerkschafter flüsterte mit einem Naturfreund, Ulla flüsterte mit Manfred vom Bedekajott, Manfred flüsterte mit seinem Nachbarn, der Nachbar flüsterte mit seiner Nachbarin. So kam eine lebhafte Aussprache in Gang, und ich merkte, wie sie alle kochten, wie sie dachten, was wird denn nun mit dem Kranz.

Henryk und Jerzy sahen sich dauernd an, weil sie dachten, was wird denn nun mit dem Kranz. Nur Eduard und der Gewerkschafter unterhielten sich laut über Breslau und Kattowitz, aber sie sagten Wroclaw und Katowice. Ich glaube, sie waren alle mächtig geladen, weil sie sich zurückhalten mußten, weil sie nicht diskutieren konnten im vollbesetzten Zug, mitten unter den Polen, weil sie nicht abstimmen konnten über den Kranz, der im Gepäcknetz lag.

In Breslau war es schon dunkel, da konnte man für den Kranz nichts mehr unternehmen. Das mußte jeder einsehen, auch Eduard und der Gewerkschafter und der Naturfreund. Sie mußten einsehen, daß keiner im Dunkeln durch Breslau laufen konnte, um ein Denkmal zu suchen, und außerdem blieb uns keine Zeit; denn es war ein Treffen vorgesehen, mit Studenten vom Germanistischen Seminar der Universität. Man konnte schließlich nicht ein paar Leute von uns abmelden und sagen, die sind noch auf der Pirsch nach einem Denkmal oder einer Grabstätte, die suchen noch etwas Passendes. Das konnte man den Studenten nicht sagen. Sie hätten mehr wissen wollen über diese Pirsch. Und dann hätten wir unsere ganze Misere schildern müssen.

Wir haben nämlich aus Versehen einen Kranz übrig, hätten wir sagen müssen, der war eigentlich für Auschwitz, aber er ist nicht nach Ausschwitz gelangt, ohne unser Verschulden, wohlgemerkt, und jetzt ist er übrig, und wir wollen ihn hierlassen, jawohl, irgendwo wollen wir ihn noch niederlegen, und dafür suchen wir eine geeignete Stätte. Sie muß nicht so bedeutend sein wie Auschwitz, das ist ja nicht mehr zu machen, aber schließlich wollen wir ihn nicht wieder mit nach Hause nehmen; wenn wir in den Bahnhof Zoo einfahren, muß er weg sein, wir können uns nicht jeder ein Büschel davon ins Knopfloch stecken. Deshalb suchen wir noch eine Gelegenheit. Wir wären mit jedem Denkmal einverstanden, das politisch zu vertreten ist. Wir wollen die Ermordeten ehren, aber wir dürfen nicht das Land anerkennen, in dem ihre Nachkommen leben, das ist es, weil wir sonst Schwierigkeiten haben, wenn wir zu Hause sind, weil uns die Gelder gesperrt werden oder weil wir damit rechnen müssen, oder weil wir fürchten, damit rechnen zu müssen. So eine Stelle suchen wir für den Kranz, an der wir nichts riskieren. Wir sind zur Vorsicht ermahnt und wollen auch vorsichtig sein: Wie leicht kann man uns reinlegen, von allen Seiten, jawohl, es ist gar nicht ungefährlich, eine Gedenkstättenfahrt zu machen, wie einfach kann man uns nachweisen, daß wir anerkennen oder verzichten, wie schnell erwischen wir ein falsches Denkmal, und schon sind wir die Leidtragenden. Deshalb suchen wir ein Denkmal, das unserer prekären Lage entspricht. So bedeutend wie Auschwitz braucht es nicht zu sein, das kann man am letzten Abend nicht mehr verlangen, kurz vor der Rückfahrt. Wir wären ganz zufrieden, wenn wir für unseren Kranz überhaupt noch ein Denkmal finden, einen unbedeutenden, kleinen Platz, ein Plätzchen, sozusagen.



Aber das konnte man den Studenten nicht sagen, und deshalb blieb es ruhig unter uns, deshalb brach der Streit nicht offen aus. Unsere Gastgeber sprachen ein gutes Deutsch, da wagte niemand zu tuscheln. Vielleicht hat auch keiner mehr an den Kranz gedacht, denn das Treffen mit den Studenten entwickelte sich zu einem turbulenten Fest, das sie gut vorbereitet hatten und von dem wir uns erst in der Nacht verabschiedeten. Ein paar Studenten begleiteten uns zum Hotel. Ich hörte unterwegs, wie Eduard zu Ulla sagte: morgen vormittag. Ulla antwortete, grundsätzlich sei sie nicht dagegen, es müsse nur sichergestellt sein, daß wir ein Denkmal fänden, das keinen nationalen Charakter habe, so drückte sie sich aus. Und dieser Wortwechsel auf dem Weg ins Hotel klang beinahe so, als ob sie drauf und dran waren, sich zu einigen. Allerdings fragte Eduard darauf, was ich noch sagen wollte, fragte er, der Kranz kann doch wohl sicherheitshalber heute nacht auf meinem Zimmer liegen? Ulla sagte, das käme nicht in Frage, der Kranz bliebe nun bei ihr, bei der Delegationsleiterin.

Am Morgen ging es gleich wieder hoch her. Eduard und seine Freunde waren schon vor dem Frühstück aktiv. Sie hatten die Stadtführerin aufgetrieben, die uns am Vormittag durch Breslau führen sollte. Nun gaben sie die Parole aus: Die Stadtführerin hat uns ein Denkmal empfohlen. Jeder sagte es jedem: Hast du schon gehört, die Stadtführerin hat uns ein Denkmal empfohlen. Ulla brachte eine Gegenparole heraus: Die Empfehlung muß erst geprüft werden, sagte sie, und zur Stadtbesichtigung erschien sie ohne Kranz vor dem Hotel. Pünktlich stellte sich die Führerin ein, ein Stewardessen-Typ. Ihre Freunde haben mir von ihrem Mißgeschick erzählt, sagte sie, wir kommen bei unserer Besichtigung zum Denkmal für die ermordeten polnischen Gelehrten, Sie können den Kranz gleich mitnehmen. Ulla machte wieder ihre Kulleraugen, aber sie ging noch einmal auf ihr Zimmer. Als sie zurückkam und den Kranz schleppte, waren die ersten Worte, die sie keuchte, wir müssen diese Empfehlung erst prüfen. Die Führerin sagte, das verstehe ich.

Wir machten uns auf den Weg durch Breslau, Manfred vom Bedekajott hatte Ulla den Kranz abgenommen, und Ulla machte der Führerin nebenbei klar, wir seien eben verschiedene Verbände und wir hätten verschiedene Meinungen, aber das Problem, sagte sie, sei so weit durchdiskutiert, daß der Kranz niedergelegt werden könne, wenn das Denkmal keinen nationalen Charakter hätte. - Das Denkmal stand an der Technischen Hochschule. Als wir ungefähr noch einen Steinwurf von ihm entfernt waren, machten wir halt. Ulla sagte zur Führerin, wir möchten den Kranz nicht ans Denkmal tragen, bevor wir wissen, woran wir sind, würden Sie uns erst die Inschrift übersetzen? Die Führerin ging mit Ulla und Manfred, der den Kranz einem Kollegen von der Evangelischen Jugend überließ, zum Gedenkstein. Eduard schloß sich ihnen an. Mehr kommen nicht mit, sagte Ulla, die Mehrheit muß zurückbleiben, die Delegation wartet hier.

Wir sahen schon von weitem, daß Ulla und Manfred das Denkmal verschieden beurteilten, sie gestikulierten und redeten aufeinander ein. Als sie zurückkamen, sagte Ulla, es geht nicht, da steht etwas mit polski oder so ähnlich dran, nationaler Charakter. Das steht auf der Rückseite, sagte Eduard, vorne steht: Unsere Losung - kein Krieg mehr. Geht nicht, sagte Manfred, wir haben einen Antifaschistenkranz und keinen Antikriegs-kranz. Jawohl, Zweckentfremdung, sagte unser Freund von der Evangelischen Jugend. Aber nicht doch, sagte der Naturfreund, hinten steht: Den 1939 bis 1945 durch den Hitlerismus umgebrachten polnischen Gelehrten, das ist genau richtig. Polnische Gelehrte in Breslau, sagte Ulla, da stimmt doch was nicht. Nationaler Charakter, sagte einer von der Schreberjugend. Jawohl, nationaler Charakter, sagte ich dann auch, denn was sollte ich sonst sagen. Immerhin war es die Meinung unserer Delegationsleiterin. Sie kannte die Hintergründe besser als ich. Sie wird schon gewußt haben, warum sie gesagt hat, nationaler Charakter geht nicht. Die meisten von uns sagten schließlich nationaler
Charakter, und es war ja so ausgemacht, daß wir den Kranz dann wieder mitnehmen. Wie Sie wünschen, sagte die Stadtführerin. Wie Ihr meint, sagten Henryk und Jerzy. Dann gingen wir weiter durch Breslau, und Manfred trug den Kranz.

Eduard und der Naturfreund und der Gewerkschafter waren empört. Sie haben sich von der Delegation getrennt, vorübergehend jedenfalls. Sie haben in der Nähe ein paar Blumen gekauft, rote und weiße Nelken, die haben sie an der Antikriegsseite niedergelegt. Das fand ich auch anständig; denn ich habe nichts gegen Eduard, bloß weil ich gesagt habe, nationaler Charakter, wie die anderen. Nein, Blumen fand ich anständig, noch dazu, wo sie in Polen so teuer sind.

Ich habe nichts gegen Eduard, obwohl ich mit den anderen gestimmt habe. Aber ich möchte mal wissen, wie Eduard sich das denkt. Er hat gesagt, es würde ein Nachspiel geben, das würde er nicht durchgehen lassen, ein Ding würde nachkommen, das sich gewaschen hat. Da bin ich aber gespannt. Vielleicht wird er einen Antrag stellen, wenn er sich mit seinem Vorstand beraten hat, vielleicht wird er verlangen, daß darüber abgestimmt wird, ob sich die Delegation schlecht benommen hat, vielleicht wird er drohen, daß sein Verband nicht mehr mitarbeitet im Be-jott-err, wenn die anderen beschließen, daß sie nichts an sich auszusetzen haben. Auf dieses Nachspiel bin ich gespannt. Ich habe Eduard nämlich im Verdacht, daß er im stillen ganz zufrieden ist, weil sich die Gelegenheit ergab, den anderen die Stirn zu bieten, und weil sie ihm jetzt auf die Schulter klopfen müssen, seine Freunde zu Hause. Bloß so nach Polen fahren und in Auschwitz einen Kranz niederlegen, das ist doch nichts, das interessiert ja hinterher keinen Menschen, aber wenn man etwas retten kann oder hochhalten, das Ansehen des Verbandes und sogar das Ansehen der Nation, dann hat sich für ihn die Fahrt nach Auschwitz gelohnt. Deshalb interessiert mich sein Nachspiel, weil ich wissen möchte, ob er es schön laut macht.

Einen ersten Triumph konnte Eduard schon am Abend in Breslau auf dem Bahnhof feiern. Das war, als Henryk ankam und sagte, er habe sich über das Denkmal erkundigt. Es sei 186 Professoren gewidmet, polnischen Professoren, die von den Nazis aus Krakau verschleppt und fast alle ermordet wurden, in verschiedenen Konzentrationslagern, man habe sie damals durch Breslau getrieben, und deshalb stehe dieses Denkmal in Breslau. Da hat Eduard triumphiert, und Ulla sagte, ja, wenn das so ist, dann hätten wir den Kranz auch niederlegen können. Aber das hat ja keiner gesagt, das konnten wir nicht wissen, wir haben keine Schuld, das will ich hiermit gleich festgestellt haben.

Den Kranz waren wir jedenfalls schon los, als Henryk diese Nachricht brachte. Der Zug stand schon da, und wir mußten einsteigen. Den Kranz hatten wir gerade untergebracht, in letzter Minute, und gar nicht so schlecht. Wir waren alle sehr erleichtert. Einige Studenten hatten vor dem Bahnhof auf uns gewartet und gesagt, wir könnten ihnen den Kranz übergeben. Morgen fahren ein paar junge Polen nach Auschwitz. Sie haben gesagt, da wollten sie sowieso hin.

Die Geschichte vom Kranz könnte ich dem Chef erzählen. Er wird sagen: Haben kein Organisationstalent, diese Leute. Sonst habe ich ihm nichts zu berichten; nichts, was ihn interessiert; denn unsere Ziele versteht er nicht, so einen richtigen demokratischen Jugendverband hat er nicht kennengelernt. Was soll man da erst groß erzählen.





© Wolfgang Fietkau

Der Erzählung, spielt in den 60er Jahren. Ihr liegt eine wahre Begebenheit zugrunde. Sie wurde zuerst in der Jugendzeitschrift „Blickpunkt“, Berlin, gedruckt. Auch im Rundfunk wurde sie wiederholt gesendet: Im Rias, gesprochen von Gert Haucke.






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